Prävention: Warum ein Check-up nicht genügt
„Alles in Ordnung.“
Das ist wahrscheinlich der Satz, den sich die meisten Menschen nach einem Check-up wünschen. Blutdruck gemessen, Blutwerte kontrolliert, Untersuchung abgeschlossen. Für einen Moment fühlt sich das an wie die Plakette beim Auto: geprüft, bestanden, weiterfahren.
Doch genau hier beginnt ein Missverständnis. Ein Check-up kann wichtige Hinweise geben. Er kann Risiken sichtbar machen und Erkrankungen entdecken. Aber er beantwortet nicht automatisch die Frage, wie du in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren leben möchtest.
Darüber spreche ich in der neuen Podcastfolge mit Dr. med. Ahmad Sirfy, Facharzt für Allgemeinmedizin und Inhaber der SmartPraxis in München. Sein entscheidender Gedanke lautet: Gesundheitliche Vorsorge ist keine Zustandsprüfung. Sie ist eine Investition in die Zukunft.

Dr. med.Ahmad Sirfy
Allgemeinmedizin Hausarzt
Rosa-Bavarese Str. 1
80639 München
Tel.: +49 (0) 89 85639582
URL: smartpraxis.de
Ein guter Wert zeigt den heutigen Moment
Unauffällige Blutwerte sind eine gute Nachricht. Auch ein normaler Blutdruck in der Praxis darf dich freuen. Trotzdem bleiben solche Ergebnisse Momentaufnahmen.
Der Körper verändert sich. Gewohnheiten wirken über Jahre. Bewegung, Schlaf, Ernährung, Belastungen und Erkrankungen hinterlassen nicht an einem einzigen Tag ihre Spuren. Deshalb schaut Dr. Sirfy in seiner Praxis nicht nur auf einen einzelnen Befund, sondern auf die Entwicklung: Was verändert sich im Verlauf? Welche Reserven sind vorhanden? Wo lohnt es sich, früh gegenzusteuern?
Das gilt besonders für den Blutdruck. Ein Wert in der Praxis entsteht in einer konkreten Situation. Manche Menschen sind beim Arzt angespannt, obwohl sie sich zu Hause ruhig fühlen. Deshalb kann eine zweite Messung sinnvoll sein. Auch ein Protokoll mit korrekt gemessenen Werten zu Hause oder eine 24-Stunden-Messung kann helfen, den Blutdruck besser einzuordnen.
Ein einzelner Wert ist also wichtig – aber er erzählt noch nicht die ganze Geschichte.
Vorsorge ist mehr als Durchchecken
Viele Menschen gehen zur Vorsorge mit einem verständlichen Wunsch: Sie möchten hören, dass sie gesund sind. Schwieriger wird es, wenn der gute Befund wie eine Erlaubnis wirkt, einfach alles unverändert zu lassen.
Echte Prävention stellt eine zweite Frage: Was kannst du heute tun, damit dein Körper seine Fähigkeiten möglichst lange behält?
Dr. Sirfy nennt dafür ein sehr anschauliches Beispiel. Wir sprechen oft über finanzielle Vorsorge. Wir legen etwas zurück, damit wir später Möglichkeiten haben. Mit unserer Gesundheit ist es ähnlich. Kraft, Beweglichkeit und Belastbarkeit sind nicht selbstverständlich. Was du heute pflegst, kann dir später Freiheit schenken.
Das bedeutet nicht, dass du dein Leben einem strengen Gesundheitsprogramm unterordnen musst. Es bedeutet auch nicht, dass jede Erkrankung durch den Lebensstil verhindert werden könnte. Eigenverantwortung ist keine Schuldzuweisung. Sie beschreibt den Teil, den du selbst gestalten kannst.
Die Frage, die den Blick verändert
Dr. Sirfy fragt seine Patientinnen und Patienten: „Was willst du in 30 Jahren machen?“
Die Antworten sind selten medizinisch. Die Menschen möchten reisen. Sie möchten Zeit mit ihrer Familie verbringen, sich bewegen, Neues erleben oder im Alltag unabhängig bleiben.
Erst danach folgt die zweite Frage: Was bist du heute bereit, dafür zu tun?
Diese Reihenfolge ist wichtig. Wer nur vor Herzinfarkt, Schlaganfall oder Pflegebedürftigkeit warnt, arbeitet mit Angst. Angst kann kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugen, aber sie nimmt leicht Lebensqualität. Ein persönliches Zukunftsbild kann dagegen Hoffnung und Richtung geben.
Vorsorge wird dann nicht zum Verzichtsprogramm. Sie wird zu einer Entscheidung für etwas, das dir wichtig ist.
Kleine Bewegung ist echte Bewegung
Im Gespräch kommen wir auch auf einen verbreiteten Denkfehler: Viele Menschen machen Bewegung unnötig kompliziert. Sie sagen, sie wollten „mehr Sport machen“ oder seien im Fitnessstudio angemeldet. Entscheidend ist aber, was im Alltag tatsächlich geschieht.
Nimmst du die Treppe oder den Aufzug? Gehst du einen Weg zu Fuß oder wählst du automatisch die bequemste Möglichkeit? Stehst du bei langer Schreibtischarbeit regelmäßig auf?
Solche Entscheidungen wirken klein. Genau deshalb sind sie so wertvoll: Sie können wiederholt werden. Prävention besteht selten aus einer einzigen großen Heldentat. Meist entsteht sie aus Gewohnheiten, die zu deinem Leben passen.
Blutdruck braucht Zusammenhang
Blutdruck ist ein tägliches Thema in der Hausarztpraxis. Dabei ist es wichtig, weder zu bagatellisieren noch unnötig zu erschrecken.
Ein erhöhter Praxiswert sollte unter ruhigen, standardisierten Bedingungen kontrolliert werden. Für Messungen zu Hause sind Ruhe, die richtige Sitzhaltung, eine passende Manschette und ein dokumentierter Verlauf wichtig. Wer sehr hohe Werte misst, sollte sie nicht einfach ignorieren. Besonders bei neuen starken Beschwerden oder möglichen Notfallzeichen ist sofortige medizinische Hilfe erforderlich.
Gleichzeitig lohnt sich der Blick über die Zahl hinaus. Schlafprobleme, Belastungen und die ungewohnte Situation in einer Praxis können Messwerte beeinflussen. Eine gute ärztliche Einordnung verbindet deshalb die Zahl mit dem Menschen, seiner Vorgeschichte und seinem Alltag.
Gute Medizin fragt nach dem Menschen
Dr. Sirfy beschreibt im Podcast die Herausforderung der modernen Hausarztmedizin: wenig Zeit, viele Menschen und trotzdem der Anspruch, zu verstehen, warum jemand wirklich im Behandlungszimmer sitzt.
Manchmal lautet die sichtbare Bitte: „Ich möchte mich einmal durchchecken lassen.“ Dahinter kann der Wunsch nach Orientierung stehen. Manchmal steckt die Sorge vor einer bestimmten Erkrankung dahinter. Und manchmal sucht ein Mensch die Bestätigung, dass sein bisheriger Weg noch trägt.
Die ärztliche Kunst besteht dann nicht nur darin, Untersuchungen anzubieten. Sie besteht auch darin, die richtige Frage zu stellen.
Was du aus dieser Folge mitnehmen kannst
Du brauchst keinen perfekten Plan für die nächsten dreißig Jahre. Vielleicht reicht heute eine ehrliche Antwort auf zwei Fragen:
Was möchtest du später noch können?
Und was ist eine kleine Sache, die du in dieser Woche dafür tun kannst?
Ein Check-up kann ein guter Ausgangspunkt sein. Prävention beginnt dort, wo aus einer Momentaufnahme eine Richtung wird.
Das vollständige Gespräch mit Dr. Ahmad Sirfy findest du in der neuen Folge von „Runter mit dem Blutdruck“.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Check-up und Prävention?
Ein Check-up erfasst den aktuellen Gesundheitszustand und mögliche Risiken. Prävention geht weiter: Sie fragt, welche Gewohnheiten, Behandlungen und Entscheidungen langfristig helfen können, Gesundheit und Selbstständigkeit zu erhalten.
Reichen gute Blutwerte aus, um gesund zu bleiben?
Gute Werte sind erfreulich, aber sie zeigen nur einen Zeitpunkt. Für die langfristige Einschätzung sind auch Verlauf, Blutdruck, Bewegung, Schlaf, Beschwerden, Vorerkrankungen und persönliche Risiken wichtig.
Warum ist der Blutdruck beim Arzt manchmal höher als zu Hause?
Aufregung und die ungewohnte Praxissituation können den Wert erhöhen. Wiederholte Messungen, standardisierte Heimmessungen oder eine 24-Stunden-Messung helfen bei der Einordnung.
Wie messe ich meinen Blutdruck zu Hause sinnvoll?
Nutze ein validiertes Gerät und eine passende Manschette. Sitze vorher etwa fünf Minuten ruhig, lehne den Rücken an, stelle beide Füße auf den Boden und lagere den Arm auf Herzhöhe. Miss nach ärztlicher Empfehlung morgens und abends und dokumentiere den Verlauf.
Was ist ein guter erster Schritt für mehr Prävention?
Wähle eine kleine, konkrete Handlung, die zu deinem Ziel passt – zum Beispiel regelmäßig die Treppe zu nehmen, bei langer Schreibtischarbeit aufzustehen oder einen Kontrolltermin zu vereinbaren. Kleine Schritte sind wertvoll, wenn sie Teil des Alltags werden.
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Transkript
00:00:00 – 00:00:07
Ja, hallo, ja, ich bin mal wieder online, und wie ihr gleich — oder du gleich sehen wirst — bin ich wieder mal nicht alleine.
00:00:08 – 00:00:24
Ich habe das große Glück, einen wirklich kompetenten Arzt für Allgemeinmedizin, ja, der so an der vordersten Front mit dir oder mit den Erkrankten arbeitet, als Podcast-Partner zu haben.
00:00:24 – 00:00:51
Und zwar ist mir der Ahmed Sirfi, Dr. Ahmed Sirfi, aufgefallen bei LinkedIn, und weil er so einen tollen Post gemacht hat, nämlich: Er hat geschrieben, dass er sich für die Prävention einsetzt, also die Verhinderung von Erkrankungen, und das ist so insgesamt auch immer mein Ziel gewesen, weil ich entweder Progressionsverhinderung oder eben halt Primärprävention zu betreiben muss.
00:00:51 – 00:01:04
Der sitzt in der vorderen Reihe, ich sitze eher so in der hinteren Reihe, und deswegen bin ich riesig froh, dass ich dich, Ahmed, heute Abend — oder überhaupt heute — an der Podcast-Folge begrüßen darf.
00:01:09 – 00:01:46
Hallo, schönen guten Abend, Ahmed. Einen wunderschönen guten Abend, vielen Dank für die Einladung. Gerne. Ahmed hat vielleicht von meiner Seite aus — du kannst das gerne ergänzen — eine sehr große Praxis, so als Smart-Praxis, und da kommen wir nachher auch drauf, in München, und das ist auch ein besonderes Thema, weil es nämlich darum geht: Wie entwickelt sich unser Gesundheitssystem langfristig? Aber zunächst einmal möchte ich Ahmed fragen, sag mal, du bist Arzt, aber was hat dich eigentlich bewegt, ja, dieses Medizinstudium — überhaupt dich mit Medizin — zu beschäftigen?
00:01:48 – 00:02:14
Ja die Frage höre ich tatsächlich sehr oft, und das ist wirklich wie so in einem Märchenbuch. Ich wollte schon als Kind — ich wollte als Kind ein Arzt werden, und ich habe eigentlich als Kind auch meine Praxis, oder damals meine Klinik, da war ich schon — ich war groß, wahnsinnig, aber meine Klinik schon gezeichnet. Und ja, das war für mich eigentlich dann ganz selbstverständlich, nach Ende des Studiums, der Weiterbildung, gleich in die Niederlassung zu gehen.
00:02:15 – 00:02:46
Du hast — du hattest also schon immer vor, so Hausarzt zu werden, in der — War nicht ganz klar, so tatsächlich war ich eher in der — auf der Kardiologie-Schiene am Anfang, und sogar am Anfang sogar auch in der — in der Herzchirurgie. Und schon dort habe ich eigentlich gesehen: Ich operiere ungern, aber ich rede mit den Menschen auf der Station. Und damals hat mir mein Oberarzt gesagt: „Du bist mehr ein Internist als ein Chirurg.“ Sehr gut. Und so bin ich auch in die Allgemeinmedizin gegangen.
00:02:46 – 00:03:06
Ja. Hast du denn irgendwie so ein Schlüsselerlebnis, wo du sagst: Boah, das ist jetzt der Grund, dass ich das erst mal Medizin mache? Oder vielleicht auch Kardiologie, oder vielleicht auch jetzt Allgemeinmedizin? Gab es da so ein Erlebnis, wo man sagen kann: Wow, das muss ich so machen?
00:03:07 – 00:03:21
Ja, du wirst wahrscheinlich jetzt lachen, aber tatsächlich, das war mein Kinderarzt. Nein, sehr gut. Als ich Kind war ich — ich war für mich ein Idol, war für mich irgendwie mein Vorbild, und wahrscheinlich hatte das am Ende alles eigentlich beeinflusst.
00:03:22 – 00:03:53
Mhm. Also du bist — ich sehe da so ein bisschen, oder spüre da — du bist von deiner Tätigkeit irgendwie fasziniert. Ich mag meinen Job. Also, ich glaube, das ist — ich nenne mal die Ärzte, die Priester der Neuzeit. In welchem — in welchem Beruf kannst du eigentlich mit allen Menschen über alles sprechen, ja? Und wir genießen auch eine Anerkennung, die auch wichtig ist, natürlich auch in der — in der Arzt-Patient-Beziehung, und das finde ich einfach einmalig.
00:03:53 – 00:04:04
Es hat natürlich viel, viel Mühe und Zeit gekostet. Jeder weiß, das Medizinstudium ist kein Spaziergang. Ja. Aber ich liebe es, und ich mag es, und dafür stehe ich jeden Tag auf.
00:04:05 – 00:04:29
Super. Nur ist das mit dem Sprechen der Patienten ja so in der Allgemeinmedizin immer so eine Sache. Da hat man die Vorstellung, boah, die Leute kommen so im 7-Minuten-Rhythmus rein, und dann hast du eigentlich keine Zeit, in die Tiefe dieser Menschen zu gehen. Und das ist eben halt das, was wir beide vermissen, eigentlich, oder was wir beide vermisst haben, oder ich zumindest vermisst habe.
00:04:30 – 00:04:47
Ja, genau. Also, ich habe in der Psychiatrie promoviert, übrigens, ja, da würde man eigentlich mehr Zeit haben für die Menschen, um mit denen wirklich dann zu sprechen. Wenn ich aber hier sehe, dass man da — dass wirklich auf einem Psychiatrietermin wartet, man in München mittlerweile ein oder zwei Jahre, wenn man es macht. Wow.
00:04:48 – 00:05:13
Das ist aber schwierig, klar, weil eine Person hat eine Ressource. Und deshalb finde ich das, was wir machen, dass wir wirklich auch in 7-Minuten — oder es waren vielleicht 10-Minuten-Medizin — dass wir diese Zeit so gut nutzen, um wirklich zwar auf den Punkt zu kommen, aber wirklich zu verstehen: Warum ist eigentlich der Mensch jetzt bei mir in meiner — in meinem Behandlungszimmer? Und das ist eigentlich die Kunst.
00:05:13 – 00:05:36
Das ist die Erfahrung. Das ist auch ein Genuss, wenn man das jeden Tag schafft, ja. Ich habe eine knappe Ressource, aber ich nutze sie aus. Aha. Das ist ärztliche Kunst. Das ist meines Erachtens ärztliche Kunst, ne, zu erkennen und das in einer Situation zu fühlen, auch, halte ich für sehr wichtig, was den Menschen wirklich bewegt, der da vor mir sitzt. Absolut.
00:05:36 – 00:06:11
Nun wissen wir, dass sicherlich mehr als 50 Prozent der 50-Jährigen einen hohen Blutdruck haben, insgesamt. Und das ist sicherlich auch eins der Menschen oder der Kollektiv — des Krankheitskollektivs, was dir in der Praxis oder im täglichen Leben begegnet. Wie gehst du mit diesen um? Was passiert mit den Menschen? Was — wie gehst du da eigentlich diagnostisch, therapeutisch, aber auch menschlich ran? Das würde mich total interessieren.
00:06:13 – 00:06:46
Das ist natürlich ein sehr wichtiger Punkt. Blutdruck ist in der Hausarztpraxis, sag mal, so ein tägliches Brot. Das ist das, was wir jeden Tag mehrfach machen, und dadurch auch lernt man auch. Und die Erfahrung, die ich jetzt so gemacht habe: Erst mal entspannt bleiben. Wenn jemand wirklich jetzt einen 180er mmHg Blutdruck hat, und der fühlt sich eigentlich erst mal mal wohl, ist es kein Grund zur Panik. Weil ich glaube, mit der Panik werde ich diesen Blutdruck nur schlimmer machen in dem Moment. Genau, sehr.
00:06:47 – 00:07:15
Und auch situativ auch bewerten. Also, ich bin nicht jeden Tag beim Arzt, aber ich bin jeden Tag bei mir selbst. Deshalb ist es für mich ganz normal, dass ich in meiner Praxis bin. Für den Patienten ist es gar nicht normal. Das ist keine normale Situation, und man kann nicht erwarten, dass man wirklich da entspannt reingeht. Es gibt ja die Patienten, die bei mir so mit Kopfhörern und Kaugummis reinkommen, das ist aber wirklich die Seltenheit. Die meisten sind eigentlich aufgeregt. Und da ist der Blutdruck ja natürlich hoch, ja.
00:07:16 – 00:07:41
Klar, ja, ein 180er ist nicht unbedingt jetzt nur einfach eine Aufregung beim Arzt. Bei mir ist es so, und das bringe ich immer meinen Kolleginnen bei in der Praxis: Immer ein zweites Mal messen. Und es ist wirklich sehr, sehr oft immer 10 mmHg weniger. Zweites — oder zweitens mit dem Patienten auch mal sprechen: Ist es eine neue Diagnose? Ist es schon eine bekannte Diagnose? Was bedeutet eigentlich der Blutdruck?
00:07:41 – 00:08:09
Und für mich ist immer auch wichtig, ja, irgendwie so eine Langzeitblutdruckmessung oder halt auch eine Messung durch ein Protokoll von dem Patienten, dass wir wirklich sagen: Lass uns mal den Blutdruck bei dir zu Hause messen. Ich kann mit — nicht mitkommen, außer du kochst heute Abend, dann komme ich vielleicht mit, ja. Du kannst es doch auch zu Hause gut machen, und dann schau bitte, wie das wirklich zu Hause ist. Und nicht selten ist der Blutdruck wirklich dann zu Hause deutlich, deutlich besser und noch kein Grund zur Behandlung. Ja.
00:08:10 – 00:08:47
Das ist auch die Sache. Ich bin ja so der Fan der morgendlichen Blutdruckmessung auf der Bettkante, und zwar weil, ja, da wissen wir, das Cortisol steigt, und da sind eben halt die höchsten Blutdruckwerte eigentlich des Tages. Und deswegen bringe ich denen immer bei, also morgens auf der — habe ich immer aufgefordert, morgens auf der Bettkante dreimal hintereinander zu messen und dann zu gucken: Wie hoch ist der niedrigste Blutdruck, den sie da auf dieser Ecke messen? Und das ist immer so für mich die Indikation gewesen. Handelst du — machst du das so ähnlich, oder wie machst du das?
00:08:49 – 00:09:47
Ja, also vielen Dank wirklich für den Punkt. Tatsächlich, da haben wir was Gemeinsames. Zwar nicht dreimal am Tag, also — oder dreimal in der Früh, so, das würde ich mitnehmen. Aber tatsächlich sage ich: Nehmt das Blutdruck mit auf den Nachttisch und messt wirklich, wenn ihr schon — gleich, wenn ihr aufsteht. Und dann auch noch mal am Abend. Und tagsüber, wenn es geht. Es muss nicht sein. Das heißt, versuche ich erst mal daraus keine fixe Routine zu machen, um noch nicht mehr Aufregung ins Spiel zu bringen. Und wir hatten mal wirklich mal getestet, wir hatten so Blutdruckgeräte verteilt mit SIM-Karten drin, also mit Funk, und das war so ein Telemonitoring, und das war genau die Idee. Also wirklich morgens, abends, wir haben das immer gemessen. Das war fantastisch, ja. Nur wir haben es nur einfach nicht bezahlt. Wir kommen von der Krankenkasse, deshalb konnten wir nicht lange machen. Aber das ist genau eigentlich, was Sinn macht.
00:09:48 – 00:10:23
Manchmal ist es aber auch diagnostisch für mich ganz wichtig zu schauen: Wie das — wie der Blutdruck ist in der Nacht, während man schläft. Geht er spontan runter, also so ein Dipper, oder ist es nicht? Und weil oft wird auch dann natürlich übersehen, dass es manchmal auch ein Schlafapnoe-Problem ist, oder halt Schlafproblematik ist da. Damals in meinem Studium war das wirklich kein Thema in meiner Weiterbildung, oder als PJ hat es schon so angefangen, dass man überhaupt gesagt hat: Moment mal, lass uns immer über Schlafen sprechen. Und jetzt ist es eigentlich eine Routine in der Hausarztpraxis.
00:10:23 – 00:10:49
Ja, also Schlaf, ein ganz, ganz wichtiges Thema auch. Da schneidest du was an. Ich glaube, der Blutdruck an sich ist eigentlich für mich immer — oder das habe ich so den Menschen gesagt — ist ein Symptom, in dem — wo der Körper dem Menschen was mitteilen möchte. Das ist so meine Idee dabei. Kannst du das nachvollziehen? Ist das auch so für dich?
00:10:49 – 00:11:53
Ich kann das voll nachvollziehen. Das ist wirklich auch meine Idee von der Prävention, dass wir immer die Menschen mal fragen: Was merken Sie? Das ist — ich sage mal, der Mensch ist da eigentlich der erste Zeuge von sich selbst. Und die Sprache des Körpers zu verstehen, zu hören, ja. Der Patient normalerweise, der nie einen Blutdruck hatte, der hat es vielleicht mit anderen Symptomen, ja. Der hat vielleicht Kopfschmerzen, der hat vielleicht mal immer wieder was bemerkt, der Kopf ist vielleicht etwas geröteter. Und unsere Aufgabe, diese Sprache des Körpers auch zu objektivieren und das wirklich den Menschen auch dann klarzumachen. Und ich finde es eigentlich spannend, was du auch sagst, dass der Blutdruck nicht unbedingt als Primärkrankheit nur zu betrachten — also ich sage wirklich nur zu betrachten — sondern auch wirklich auch als Symptom von anderen Beschwerden oder Situationen der Menschen, ja.
00:11:53 – 00:13:07
Ich glaube, es gibt viele Menschen, die sagen: Ja, ich habe einen Blutdruck, aber nicht im Urlaub. Ja, ich habe komischerweise — ich hatte auch mal hohen Blutdruck. Das war — da hatte ich was in Angriff genommen. Ich wollte ein Haus in Berlin bauen, und da war das so, dass dann immer mehr Auflagen kamen, und ich wurde immer unsicherer. Und das hat mich auch mal mit dem hohen Blutdruck in Kontakt gebracht. Und deswegen kann ich sehr gut nachempfinden, dass Dinge, die dich innerlich bewegen, eben halt auch konstant dein Cortisol ausschütten, dein Adrenalin ausschütten und dich so ständig in dieser Stresssituation, in der Fight-and-Flight-Situation, zu halten. Und das war dann der Grund für mich auch, da mal weiter drüber nachzudenken, wie man das denn so schnell rauskriegt. Und da finde ich — immer noch bewundere ich dich, dass du das in 7 Minuten hinkriegst. Also, das ist schon eine starke Leistung. Denn häufig sind das ja auch familiäre Themen, das sind Partnerschaftsprobleme. Das ist ein ganz — da sind ein Haufen von Fässern, auf die man da — oder die man anbohren muss in der Situation.
00:13:08 – 00:13:50
Definitiv. Das ist auch eine Herausforderung. Also, ich — ich sehe hier Parallelen. Also, der Blutdruck ist eigentlich — ist ein Ausdruck der Evolution. Ich glaube, Lebewesen ohne Blutdruck, also in unserer Komplexität, die hätten wahrscheinlich nicht überlebt, und deshalb gibt es sie heute nicht mehr. Und bei dem Hausarzt auch so, der das in 7 Minuten nicht schafft, den gibt es auch nicht mehr. Deshalb ist alles eigentlich eine Evolution. Und ich sehe noch eine dritte Parallele, tatsächlich. Wenn ich in Stress käme und eigentlich ständig auch deshalb Blutdruck hätte, auch in der Praxis, dann gäbe es auch dann mich nicht. Deshalb ist es gut für mich, tatsächlich, dass auch mein Blutdruck in der Sprechstunde nicht ansteigt.
00:13:52 – 00:14:39
Ja, das ist — aber das war bei mir genauso. Also, ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe meinen Job auch geliebt und war eigentlich — ich habe — mein Sohn hat mal zu mir gesagt: Papa, du musst nie arbeiten, ne. Sage ich: Nee, weil ich die ganze Zeit meinem Hobby nachgehe. Und deswegen war ich auch nicht so häufig zu Hause. Okay, das ist ein anderes Thema. Nein, aber wichtig ist: Du machst das sehr gut mit der Prävention. Und jetzt sind wir bei der Prävention. Viele Menschen, die lieben diese Prävention. Ich — kommen Leute zu dir, viele Menschen zu dir, und sagen: Boah, ich möchte jetzt mal untersucht werden. Und — oder ist das eher weniger? Weil das habe ich ja nie gemacht, sowas. Deswegen frage ich da jetzt mal nach.
00:14:39 – 00:16:01
Ja, und wie? Also, das nimmt richtig zu. Die Menschen sind, glaube ich, so sensibel für die Prävention wie noch nie. Ich glaube, das liegt daran, dass — ja, dass die Informationsquellen oder die Informationsflut einfach so enorm geworden ist. Also, die Menschen sind sehr, sehr informiert. Manchmal sind sie auch schlecht informiert, aber sie sind halt sehr informiert. Und manchmal, ja, haben wir auch halt Angst vor Krankheiten, ja. Das ist — es gibt Algorithmen auf dieser Welt, die genau die Menschen tatsächlich — oder den Menschen tatsächlich zeigt, was am schlimmsten passieren kann, also worst case, ja. Und viele kommen und die sagen das nicht. Die sagen nicht: Ich habe jetzt Angst vor Krebs, sondern: Ich möchte mal — mich mal durchchecken. Und dann musst du halt in 7 Minuten Medizin mal wirklich schaffen, herauszufinden, warum er eigentlich sich durchchecken lassen will, ja. Was ist eigentlich der Grund? Aber viele haben auch verstanden, dass es besser ist, dass man überhaupt nicht krank wird. Und die haben sogar auch den Anspruch. Und das ist — das ist, glaube ich, ich glaube, ein Phänomen des neuen Patienten. Die wollen gar nicht krank werden. Und ich finde, das ist eine wunderbare Sache. Die muss man wirklich dann nutzen.
00:16:01 – 00:16:59
Da gebe ich dir absolut recht, denn ich hatte absolut den Eindruck, dass die Menschen eigentlich — oder dann musst du mich korrigieren — zu dir zur Prävention kommen so ähnlich wie mit dem Auto, ne. Also, ich gebe mein Auto da jetzt ab, und der sagt: Ja, Reifendruck ist in Ordnung, Öl stimmt, und alle anderen Dinge stimmen auch. Jetzt kann ich wieder weitermachen, wie ich vorher will. Und dann ist — dann ist das keine Prävention, sondern dann ist das so eine Zustandsuntersuchung: Wie ist es denn jetzt? Oh, wenn es jetzt gut ist, dann kann ich — also egal, Cholesterin ist gut, Triglyceride sind gut, und Blutzucker ist auch gut. Dann kann ich genauso weitermachen wie vorher, behalte mein Übergewicht, aber alle Werte stimmen. Ist das so? Oder sagen die Leute: Ich möchte wissen, wie ich — obwohl ich jetzt gesund bin — gesund bleiben kann. Und das wäre ja die eigentliche Prävention.
00:17:01 – 00:17:46
Genau, da gebe ich dir absolut recht. Die klassische Check-up-Medizin: Es ist so, ich habe jetzt alles abgecheckt, es ist alles im grünen Bereich, jetzt kannst du gehen. Es gibt viele Patienten, die sagen dabei: Es geht mir nicht gut. Ja, also meine Werte sind gut, aber es geht mir nicht gut. Und die andere Sache ist, dass man wirklich die Feinheiten auch in der Diagnostik erkennt, um zu sagen: Okay, die Werte sind in Ordnung, was kannst du heute machen, dass es so bleibt? Weil das hier, was du jetzt hast, ist nicht selbstverständlich. Und das, was du jetzt hast, ist eine Momentaufnahme. Das kann dein Körper jetzt mit den aktuellen Ressourcen, aber das wird so nicht bleiben.
00:17:47 – 00:18:23
Und das ist — ich gebe dir mal ein Beispiel, ja. Also, wir reden hier zum Beispiel: Gute Cholesterin-Zuckerwerte im Blut mit 30, 25. Und dann sage ich denen: Ja, zum Beispiel deine Muskelmasse, die wird dann eigentlich schon abnehmen. Und zwar je älter, desto rapider. Und das, was du heute machst für deinen Körper, das ist deine Investition für die Zukunft. Wir reden oft über finanzielle Vorsorge, aber eigentlich gesundheitliche Vorsorge ist, in die Zukunft zu investieren und nicht sich abzuchecken. Das ist ganz wichtig. Und danke für den Punkt.
00:18:24 – 00:18:51
Welche Punkte sprichst du außer der Muskelmasse noch an? Also, natürlich die Blutfette, die Langzeit-Zuckerwerte. Das ist für mich immer ganz wichtig. Und vor allem: Meine Patienten kommen dann immer wieder zu mir. Das heißt, wir sehen immer den Verlauf. Für mich ist es immer ganz wichtig, longitudinal zu schauen, also wirklich langfristig zu schauen, wie sich alles so entwickelt. Und
00:18:54 – 00:19:02
ein paar Punkte — also, es gibt so ein Lipoprotein A, ist immer je nach Anamnese für mich wichtig, mal da zu bestimmen. Und
00:19:05 – 00:19:46
wir machen auch mehr. Also, je moderner die Medizin wird, desto auch mehr Möglichkeiten da gibt. Aber Ernährung, Bewegung ist ganz wichtig. Und zwar wirklich ganz einfache Bewegung. Also, ich — ich höre immer — ich frage meine Patienten: Ja, was machst du für eine Bewegung, ja, wie bewegst du dich? Und es gibt immer so Nuancen wie: Ich versuche, mich zu bewegen, oder ich bin im Fitnessstudio angemeldet, ja, und dann muss ich — was machst du genau am Tag, ja? Wie nimmst du die Treppe, statt den Aufzug? Oder gehst du zur Arbeit, statt jetzt einen E-Roller zu nehmen? Oder — also, suchst du die Bewegung im Alltag, oder schaust du, dass es eigentlich alles bequemlich bleibt?
00:19:46 – 00:20:34
Weil, glaube ich, wir denken manchmal einfach zu kompliziert, was Sport und Bewegung angeht. Ja, ich bin ja ein absoluter Fan davon, alle 50 Minuten oder alle 60 Minuten mal aufzustehen und irgendeine Bewegung zu machen, ne. Weil das ist genau das Thema. Ich habe deswegen auch bei mir in der Praxis — habe ich zwei Sprechzimmer gehabt, mit denen ich ständig hin und her gewechselt bin. Und ich habe nicht — ach, mich da hingesetzt und der nächste: Bitte, das geht nicht. Sondern ich bin — und dann habe ich auch immer die Seite gewechselt. Einmal musste ich die Maus mit der rechten Hand, einmal die Maus mit der linken Hand bedienen, weil ich einfach eben halt nicht fixiert werden wollte mit irgendwelchen HWS-Themen oder Gott weiß was. Und das hat also auch 30 Jahre super geklappt.
00:20:35 – 00:20:51
Sehr schön. Also, da ist eine wirklich — eine wirklich echte Prävention bei dir da. Nun bietest du da so unterschiedliche Programme an. Wie lassen die sich denn — jetzt bin ich schon bei der kassenärztlichen Medizin — kassenärztlich abbilden?
00:20:54 – 00:21:40
Man kann auch in den 7 Minuten auch 3 Minuten paar Tipps wirklich mitgeben. Und das ist etwas, was ich mit der Zeit gelernt habe: Individuell, für jeden Menschen gibt es so ein paar Sachen, die ihn triggern. Und ihm wirklich eine Prognose geben, eine vorsichtige Prognose geben: Wie könnte es aussehen, wenn es jetzt so bleibt? Ich finde, das ist — das ist — ich bin immer wirklich manchmal erstaunt, dass viele Patienten das nicht wissen. Also, ich glaube, dass viele Ärzte tatsächlich glauben, der Patient weiß es schon, ja, dass er das — wenn es so bleibt, es wird ihm so — wird diese Krankheiten entwickeln. Viele wissen es wirklich tatsächlich nicht.
00:21:40 – 00:22:17
Du kannst wirklich ganz einfach und banal sagen: Ich als Arzt, in meiner Erfahrung und nach dem langen Studium, sehe ich: Wenn es so bleibt, hättest du ein hohes, hohes Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt. Und was ich wirklich gelernt habe: Ich frage die Patienten: Was willst du eigentlich machen in 30 Jahren? Diese Frage ist so wichtig, weil die meisten sagen: Ja, dann bin ich halt in Rente und ich möchte die Welt bereisen und mich bewegen und das und das und das erleben. Und dann sage ich: Okay, was bist du — was bist du bereit, heute dafür zu machen, dass du wirklich in 30 Jahren auch so in der Lage bist?
00:22:18 – 00:22:52
Das ist so eine Reflexion, die ich eigentlich ausreichend — und dann geht es auch in der Kassenmedizin völlig. Natürlich, was Blutwerte angeht, klar, in der Kassenmedizin ist es natürlich anders. Da ist Zucker, Cholesterin dabei. Aber das ist auch schon was, ja. Und ich muss jetzt keine Muskelmessung machen. Also, wer das will, gibt es auch, nur zahlt das die Kasse nicht. Aber ich kann das sehen. Und ich sehe schon eine Sarkopenie quasi mittlerweile schon, auch mit den bloßen Augen, und kann ich auch was dazu sagen.
00:22:54 – 00:23:12
Super. Ja, ich habe ja dafür gekämpft. Also, als ich anfing, da war noch die Kreatininbestimmung mit dabei bei der Gesundheitsuntersuchung. Und dann war die plötzlich weg. Ich habe gesagt: Die Spenden, die lassen das weg. Wir wissen also gar nichts über die Nierenfunktion, aber nur zur Weise. Also, das ist schon sehr, sehr schmal zusammengefercht.
00:23:13 – 00:23:58
Definitiv, ja. Wenn du siehst, wirklich vor ein paar Jahren war eigentlich nur Gesamtcholesterin dabei, ja. Also, und irgendjemand hat mal die Idee gehabt: Nee, das ist jetzt wirklich ein Schwachsinn. Ja, voll. Dann durftest du ja auch LDL oder LDL-Cholesterin nur dazu bestimmen, wenn du ein erhöhtes Gesamtcholesterin hattest, was ja auch schon ziemlich dämlich ist. Aber das ist — das ist aber so, das wächst einfach sehr, sehr langsam. Und da wird man immer wieder offene Türen einrennen müssen. Aber ich kann dir versichern, durch wichtige nephrologische Initiative gibt es demnächst das Kreatinin dabei oder die Nierenfunktionmessung. Das ist schon auf dem Wege. Da haben wir uns maximal für eingesetzt.
00:23:58 – 00:24:59
Du hast ein tolles Thema angeschnitten, nämlich das Thema Eigenverantwortung. Die Eigenverantwortung ist so was: Du erzählst ihm mit dem Thema: Wow, wie willst du, sprich Patient, in 30 Jahren aussehen? Das ist schon ein Thema Angst, über das man ihn bindet, ne. Gibt es denn auch — meinst du, es gibt auch andere Möglichkeiten außer der Angst? Weil ich habe selber erlebt, dass wenn Patienten mal ängstlich sind, dann haben die — verlieren die Lebensqualität. Das ist auch so mein Thema. Also, ich — es geht ja nicht nur darum, fit 100 Jahre alt zu werden, sondern auch auf dem Wege 100 Jahre alt zu werden, Lebensqualität zu haben. Wie triffst du da so den Scheideweg zwischen Lebensqualität und dem, was man eigentlich medizinisch gesehen sich wünscht?
00:25:01 – 00:25:35
Ja, das ist halt generell bei Vorsorge auch so. Das ist — wenn wir jetzt finanziell vorsorgen, dann haben wir ja Angst, arm zu werden, wenn wir älter sind. Aber wir haben die Motivation, dass wir genug Ersparnis haben, um das Leben zu genießen. Dann ist auch keine Angst mehr, sondern nicht Hoffnung. Deshalb ist es eigentlich schon so. Deshalb stelle ich immer diese Frage. Und diese Frage wird auch beantwortet von Menschen, die jetzt auch gesund sind, die wirklich gar nicht adipös sind, die kommen zum Check-up, um bestätigt zu bekommen, dass es denen gut geht. Und die sagen das ja auch.
00:25:36 – 00:26:27
Aber die Lebensqualität ist es ja nicht nur eine Zukunftsversion, sondern es ist jetzt, ja. Menschen, die ungesund leben, denen geht es auch jetzt nicht gut. Das merkt man eigentlich fast immer, ja. Die haben ja eine Müdigkeit, Erschöpfung, Gelenkschmerzen und so weiter. Das heißt, die Lebensqualität, wie man jetzt lebt, ist normalerweise auch nicht so ideal. Nur die Verbindung zum Lebensstil wird oft — wie soll ich es beschreiben — vergessen, ja. Das ist aber menschlich. Und deshalb braucht man immer den Profi, der wirklich mal da drauf zeigt und sagt: Nee, dir geht es — du hast jetzt Gelenkschmerzen, nicht weil du erkältet bist, sondern weil deine Knie wirklich ein Übergewicht die ganze Zeit tragen mit sich, ja.
00:26:28 – 00:26:56
Oder manchmal sage ich: Dir geht es aber richtig gut, ja, weil du überernährt bist. Das hätten vielleicht Menschen vor tausenden Jahren eigentlich gerne gewünscht, aber jetzt ist es für uns tatsächlich ein Problem geworden. Also, du bist jetzt überernährt, jetzt schauen wir mal, dass wir wieder irgendwie eine Balance finden. Und das, was ich gemeint habe, ist sehr, sehr individuell. Also, es ist — ich kann nicht mit jedem wirklich mit dem Standardsatz sprechen, sondern das ist das, was Allgemeinmedizin auch dann ausmacht.
00:26:56 – 00:27:07
Wir kennen oft unsere Menschen, oder wir haben ein Gespür dafür, weil das ist — weil wir sind ja trainiert, wir sehen ja 50, 60 Menschen am Tag. Da ist es einfach ein Training, was da zustande kommt.
00:27:08 – 00:27:13
Ja. 50, 60 Menschen am Tag, sprich, du arbeitest von wann bis wann?
00:27:14 – 00:27:17
Ich arbeite jeden Tag fast 11 bis 12 Stunden.
00:27:17 – 00:27:23
Boah, Wahnsinn. Und das von montags bis freitags, oder wie?
00:27:24 – 00:27:41
Montag, Dienstag, Donnerstag. Mittwoch habe ich einen halben Tag. Der Rest ist etwas Administration mit etwas für die Kinder da auch da sein. Aber das Wochenende ist heilig. Du hast das so ähnlich gemacht.
00:27:41 – 00:28:01
Bei mir war das Wochenende leider nicht heilig wegen der Diabetespatienten. Aber ganz toll. Wenn du jetzt einem Patienten, der zu dir kommt, ganz kurz bei dir wärst, keine Erkrankung, nichts, was würdest du ihm in ein oder zwei Sätzen mitgeben, was du jedem sagen würdest?
00:28:05 – 00:28:52
Das ist eine sehr gute Frage, natürlich. Ich sage immer: Das Leben ist wirklich sehr kurz. Und wir können nicht sagen: Selbst wenn wir 90 werden, es ist relativ das, was in Relation zu der — zu der — zu der Zeit, die wirklich diese Welt hat, ja, es ist eigentlich nichts. Und es — deshalb sollten wir oder schauen wir, dass wir für diese Zeit eigentlich auch einen guten Körper und eine gute Seele oder eine gute Psyche behalten, damit wir diese kurze und knappe Zeit eigentlich genießen. Das ist der erste Satz.
00:28:53 – 00:29:16
Und der zweite Satz, ich sage: Du, Patient, du bist ein wundervoller Mensch, weil du bist eigentlich voll mit Wundern. Wenn du deinen Körper wirklich siehst, ist er voll mit Wundern. Und du stehst jeden Tag vor dem Spiegel im Bad und sagst: Du bist ein wundervoller Mensch, du hast heute das Beste verdient. Und damit gehst du eigentlich dann raus. Das war ganz, ganz toll.
00:29:16 – 00:29:44
Jetzt sind wir — also das ist genau eigentlich meine Philosophie, einfach das zu erkennen, dass man wirklich ein Wunder ist und nicht die Tatsache, als Arzt: Ich durchschaue ja alles, was bei dir läuft und so weiter. Das ist es ja gar nicht. Um das geht es gar nicht. Wir durchschauen längst die — und das macht uns — also je länger ich dabei war, desto demütiger bin ich geworden, was Gesundheit, Medizin und unsere Leistungsfähigkeit angeht. Das konnte man ja in den letzten Jahren sehr schön sehen.
00:29:45 – 00:30:10
Jetzt sind wir bei der Individualmedizin. Ich habe noch eine Frage: Wie erlebst du das, dass ja — also ich zumindest sehe das, wenn ich so in die Presse und so gucke, dass die Menschen immer mehr Angst haben, dass die Situation sich verändert. Spürst du das auch in deinen — bei deinen Patienten, dass sie ängstlicher sind? Generell?
00:30:11 – 00:30:44
Ja, generell. Also, was so insgesamt die Situation, wirtschaftliche Situation, politische Situation, Sicherheitssituation vielleicht meinst, merke ich tatsächlich, dass weniger. Die Menschen, die zu mir kommen, die haben gesundheitliche Probleme wie auch vor 10 Jahren. Also, die Krankheiten sind fast gleich geblieben, nur der Anspruch ist nur einfach anders geworden, ja, wie man mit diesen Krankheiten einfach nur umgeht.
00:30:46 – 00:31:06
Klar, wir bekommen es immer mit, dass viele Menschen jetzt manchmal vielleicht den Job verlieren. Sehen wir auch. Ich meine, wir sind ja eine Stadt mit so einer Autobranche. Das ist — das sieht man. Aber es ist wirklich jetzt so — nicht so schlimm, dass ich wirklich daraus jetzt ein Phänomen irgendwie skizzieren kann.
