Wie reagierst Du im Notfall?
Lesedauer: 12 Minuten
In dieser Folge erzähle ich von einem Erlebnis, das mich nachhaltig bewegt hat.
Auf einer weihnachtlichen Tanzveranstaltung brach plötzlich ein Mann zusammen. Es war sofort klar: Er musste reanimiert werden.
Während ich mich ganz auf die medizinische Situation konzentrierte, wurde im Hintergrund etwas anderes sichtbar – etwas, das mich mindestens genauso beschäftigt hat wie der Notfall selbst. Die Reaktionen der umstehenden Menschen. Das Ausweichen. Das Schweigen. Die fehlende Resonanz.

Dieses Erlebnis hat in mir viele Fragen ausgelöst:
Was ist aus unserem Mitgefühl geworden?
Warum fällt es uns so schwer, in solchen Momenten innerlich präsent zu bleiben?
Und was bedeutet Empathie eigentlich wirklich – jenseits von Mitleid oder emotionaler Überforderung?
Diese Podcastfolge ist meine Einladung, gemeinsam hinzuschauen.
Kapitelübersicht
00:00 Weihnachtserlebnis und fehlende Empathie
03:17 Mitleid vs. Mitgefühl
07:14 Empathie als Regulationskompetenz
10:25 Folgen fehlender Empathie
12:59 Selbstreflexion und innere Stabilität
Zitate aus der Folge
„Was mich jedoch im Verlauf dieser Minuten – und vor allem in der Zeit danach – tief beschäftigt hat, war nicht die medizinische Situation selbst, sondern das Umfeld.“
„Empathie ist keine emotionale Überflutung. Empathie entsteht aus einer inneren Sicherheit.“
„Mitgefühl ist kein Luxus. Es ist eine Grundlage für menschliche Nähe, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die eigene seelische Gesundheit.“
Hintergründe zur Folge
In dieser sehr persönlichen Reflexion gehe ich bewusst über das medizinische Ereignis hinaus.
Ich spreche darüber, warum Menschen in Krisensituationen häufig nicht empathielos, sondern überfordert sind – und weshalb ein unreguliertes Nervensystem eher zu Rückzug als zu Mitgefühl führt.
Ich zeige auf, warum Empathie keine moralische Pflicht ist, sondern eine erlernbare innere Kompetenz. Eine Fähigkeit, die uns selbst stabilisiert und gleichzeitig den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.
Diese Folge ist kein Appell und keine Anklage.
Sie ist eine Einladung, Empathie neu zu verstehen – als Haltung, die uns trägt, wenn es schwierig wird.
Vielleicht hilft Dir auch die Herzmeditation, um ins Gefühl für Dich zu kommen!
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Key Takeaways
- In dieser Folge berichte ich von einem Erlebnis bei einer Tanzveranstaltung und den Reaktionen der Menschen darauf.
- Ich hinterfrage, was aus unserem Mitgefühl geworden ist und warum es uns schwerfällt, in Krisen präsent zu bleiben.
- Die Episode behandelt zudem den Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl, sowie die Rolle von Empathie als Regulationskompetenz.
- Ich erkläre, dass Empathie erlernbar ist und sowohl persönliche Stabilität als auch gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.
- Diese Folge ist eine Einladung, Empathie neu zu verstehen und als wertvolle Haltung zu betrachten.
Transkript:
Keine Weihnachtsgeschichte, aber bei der ersten Folge Der Reihe Runter mit dem Blutdruck DE im neuen Jahr 2026 möchte ich dir trotzdem erzählen, was ich Weihnachten 2025 erlebt habe.
Ja, willkommen im neuen Jahr und willkommen zu dieser neuen Podcast Folge. Heute möchte ich mal eine persönliche Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die mich beschäftigt hat. Ja, nicht weil sie spektakulär war, sondern weil sie etwas sehr Grundsätzliches sichtbar gemacht hat. Es geht um Empathie, genauer gesagt um das Fehlen von Empathie und darum, was dieses Fehlen mit uns macht, als einzelne, aber auch als Gesellschaft. Diese Folge ist keine Anklage. Das will ich mal voraussagen. Sie ist kein moralischer Appell. Sie ist eine Einladung zur Wahrnehmung. Ja, ich will die geschichte erzählen. Am 25. Dezember haben meine Frau und ich nach Ente Wow, jetzt müssen wir uns ein bisschen bewegen und wir fanden eine Tanzveranstaltung. Ich hab Komm, dann gehen wir auf diese Tanzveranstaltung. Wir sind angekommen. Es gab Musik Bewegungen, die Menschen haben sich bewegt nach der Musik und das war sehr angenehm und es war eigentlich eine schöne Atmosphäre. Also wir waren an einem Ort, an dem normalerweise Leichtigkeit, Freude im Vordergrund stehen. Dann kam es zu dem Zwischenfall.
Also neben mir stand ein Mann, den ich schon die ganze Zeit beobachtet habe, aber der plötzlich wie vom Schlag getroffen, umfiel und ja sofort der kardiopulmonalen Reanimation bedürft. Er hatte keinen Puls mehr, nichts mehr. Ich habe ihn aufgefangen sogar, habe ihn hingelegt und habe dann sofort mit der Herzdruckmassage begonnen. Und es war sofort klar hier, dass es sich um eine lebensbedrohliche Situation handelte. Der Körper reagiert in solchen Momenten klar, routiniert und fokussiert, weil ich eben halt solche Situationen in meinem Leben schon häufiger erlebt habe. Alles andere tritt dabei zurück. Du bist nicht in irgendeiner Beurteilungsgeschichte. Du guckst einfach nur was tust du in dem Fall Sinnvolles, um eventuell das Leben dessen, der da jetzt gerade umgefallen ist, zu retten.
Was mich jedoch im Verlauf dieser Minuten tief beschäftigt hat und vor allen Dingen in der Zeit danach, war nicht die medizinische Situation selbst, sondern das Umfeld. Die Menschen standen herum, sie sahen zu, Einige wichen zurück, andere blickten kurz hin und wandten sich wieder ab. Es gab eigentlich kaum Resonanz, kaum ein Mittragen der Situation, keine erkennbare emotionale Beteiligung. Ich will mal sagen, das war nicht aus Böswilligkeit, nicht aus Gleichgültigkeit, so im klassischen Sinn, sondern aus etwas ganz anderem. Was ich in diesem Moment wahrgenommen habe, war keine bewusste Kälte. Nein, es war Überforderung, es war Rückzug und es war innere Abschaltung. Viele Menschen erleben in solchen Situationen keinen massiven inneren Konflikt. Sie sehen Leid und gleichzeitig fehlt die innere Stabilität, um damit in Kontakt zu bleiben. Der Rückzug ist kein moralisches Versagen, sondern eher ein Schutzmechanismus. Das ist ganz, ganz wichtig zu verstehen, denn erst dann, wenn wir das erkennen, können wir überhaupt über Empathie sprechen, ohne Schuldzuweisung.
Das Ganze ist natürlich auch noch mal getriggert worden mit der Frage und den Stimmen, die ich zwischendurch gehört Ich kenne den doch gar nicht, wir können doch jetzt weiter tanzen. Ja, da will ich jetzt aber Schluss machen, weil das sind schon Extremfälle. Aber auch da findet man, es ist ein Rückzug da und es entsteht keine Verbindung zu dem, was da gerade an menschlichem Leid vorliegt.
Ich will kurz ein bisschen über Empathie reden. Wenn wir über Empathie reden, müssen wir sehr, sehr präzise sein. Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was Mitleid ist und was Mitgefühl ist. Also Empathie ist nicht gleich Mitleid. Mitleid, der andere leidet. Ich bin froh, dass ich es nicht bin und Mitleid, ich will das Leid nicht an mich ranlassen. Und Mitleid ist insofern eine Sache, die trennt, weil ich selber das Leid nicht haben will. Also Mitleid überfordert, Mitleid zieht Energie ab und es fühlt sich selten so an, dass man sich dann auch quasi abwendet. Man muss sich abwenden. Das geht nicht, kann dieses Leid nicht mehr sehen. Da gibt es einen anderen Parameter, der nennt sich Mitgefühl. Mitgefühl hingegen ist etwas ganz anderes. Mitgefühl, ich nehme wahr, was ist. Ich bleibe innerlich präsent, ohne mich selbst zu verlieren. Ich leide nicht mit, aber ich habe Mitgefühl. Und Mitgefühl ist nicht laut. Mitgefühl ist nicht dramatisch. Es ist ruhig, klar und du behältst die Handlungsfähigkeit.
In der Reanimationssituation war genau das kaum vorhanden, diese ruhige, mitfühlende Präsenz. Empathie ist keine emotionale Überflutung. Empathie ist, entsteht aus einer inneren Sicherheit. Menschen, die innerlich stabil sind, können Leid wahrnehmen, ohne davon überwältigt zu werden. Sie können präsent bleiben und sie müssen sich nicht abspalten. Ich gehöre trotzdem dazu und der, der gerade leidet, ist sich das Mitgefühl des anderen sicher und ich trenne mich nicht von ihm.
Aus neurophysiologischer Sicht bedeutet Ein reguliertes Nervensystem ist die Voraussetzung für Mitgefühl. Ein reguliertes Nervensystem ist das ein Nervensystem, das weiß, was es fühlt. Wenn das Nervensystem in Alarm geht, übernimmt der Schutz. Es entsteht Flucht, Erstarrung und Rückzug. Das ist das, was wir Fight und Flight nennen. Und das ist das, was auch dann hinterher die ganzen Stoffe, Botenstoffe anwirft, wie Adrenalin, Cortisol und so weiter, die dich sozusagen in eine Starre hineinbringen. Und die Empathiefähigkeit ist daher kein moralischer Wert, sondern eine Regulationskompetenz. Das heißt, wenn ich Mitgefühl habe, regelt das meine eigene innere Beschaffenheit und ich muss nicht mit Mitgefühl in den Fight und Flight Modus hineinkommen, sondern ich kann sachlich in aller Ruhe entscheiden, was ist jetzt wichtig, wo kann ich vielleicht helfen, wo kann ich aber auch sozusagen Mitgefühl für den äußern, der gerade dort ein Leid hat.
Also Empathie stabilisiert nicht nur die soziale Situation, sondern sie stabilisiert das eigene innere Erleben. Menschen mit gesunder Empathie, nicht mit der überforderten Mitleid, zeigen langfristig mehr psychische Widerstandsfähigkeit, sie kennen klare Grenzen und sie zeigen, haben auch eine höhere soziale Verbundenheit. Du musst nicht sozusagen der geschulte Arzt sein, um Mitgefühl zu haben, also die Situation nicht zu verlassen, sondern in der Situation zu bleiben und dabei auch selber den Rückzug vermeiden und also nicht in den Fight und Flight Modus hineinzukommen.
Was geschieht denn, wenn Empathie im öffentlichen Raum fehlt? Es entsteht eine stille Entfremdung. Menschen sind physisch anwesend, aber innerlich komplett abgetrennt. Gesellschaftlicher Zusammenhang entsteht nicht durch Regeln und Strukturen allein. Er entsteht dort, wo Menschen bereit sind, innerlich beim anderen zu bleiben, auch wenn es unangenehm wird. Fehlende Empathie führt also nicht zu Chaos. Sie führt schleichend, sie geht schleichend vor und sie untergräbt Vertrauen und sie verstärkt Vereinsamung. Also die fehlende Empathie, das fehlende Mitgefühl führt nicht sofort zum Chaos, aber sie macht dauerhaft Stress. Sie wirkt deswegen schleichend, sie untergräbt das Vertrauen und sie verstärkt die Vereinsamung.
Umgekehrt ist Mitgefühl eine der stärksten stabilisierenden Kräfte einer Gesellschaft, weil wir erkennen, dass in einer Gesellschaft wir nicht losgelöst davon sind, sondern wir integrieren auch den, der leidet. Das heißt, das Mitgefühl ist nicht laut, es ist nicht heroisch, sondern leise, präsent. Und jetzt kommt ein ganz wichtiger Wort. Es ist verbindend. Also ist das Thema, was ihr seht. Wenn du differenzieren kannst für dich ich bin im Mitgefühl, ist es für dich physiologisch, für dein Leben wesentlich besser, als wenn du in die Mitleid Situationen reingehst. Aber wenn du auch in dem Mitgefühl bist, bist du auch in der Gruppe der Menschen sozialisiert, weil alle haben ja das Mitgefühl für jemand anderen und sie sind alle nicht im Leitmodus, sondern sind in einer Situation, wo sie einfach durch Anwesenheit unterstützend tätig sein können.
Ich möchte dich daher zu einer kurzen Selbstreflexion einladen. Vielleicht ist es dir möglich, dass du dich jetzt einmal hinsetzt und die Augen verschließt und in Ruhe ein Moment der Musik lauscht und dabei deinem Atmen folgst. Einatmen und langsam ausatmen. Ja, diese Geschichte, die du gerade gehört hast, ist kein Maßstab, sie ist ein Spiegel.
Vielleicht fragst du dich beim Zuhören, wie reagiere ich, wenn ich Leid sehe? Wende ich mich innerlich ab oder bleibe ich präsent? Und wenn ich mich abwende, was schützt mich dann? Welche Angst liegt dahinter? Welche Überforderung?
Empathie beginnt nicht im Außen. Sie beginnt mit der Fähigkeit, die eigenen inneren Zustände wahrzunehmen und zu regulieren. Niemand muss alles fühlen, niemand muss alles tragen. Aber präsent zu bleiben, das ist auch für dich erlernbar.
Was ich aus dieser Situation mitgenommen habe, ist keine Enttäuschung über andere, sondern ein tieferes Verständnis dafür, wie sehr wir als Gesellschaft innere Stabilität benötigen. Mitgefühl ist kein Luxus. Es ist eine Grundlage für menschliche Nähe, für gesellschaftlichen Zusammenhang und für für die eigene seelische Gesundheit. Mitgefühl bedeutet nicht, alles auf sich zu nehmen. Es bedeutet einfach nur da zu sein, klar, präsent und ohne sich selbst zu verlieren. Und vielleicht beginnt genau dort eine leise Veränderung.
Ich danke dir für dein Zuhören. Und wünsche dir noch einen schönen Tag und vor allen Dingen ein gesundes neues Jahr.


