Du sitzt im Behandlungszimmer und erzählst. Dein Arzt hört zu, fragt nach – und tippt. Was du sagst, soll schließlich auch dokumentiert werden. Doch manchmal stellt sich dabei eine Frage: Wie viel Aufmerksamkeit bleibt bei dir, wenn gleichzeitig der Bildschirm gefüllt werden muss?

Über KI in der Hausarztpraxis spreche ich in dieser Podcastfolge mit Dr. med. Ahmad Sirfy. Nach unserem Präventionsgespräch wollte ich genauer wissen, wie er in seiner Münchner SmartPraxis arbeitet. Seine Erfahrungen machen neugierig. Vor allem auf eine Möglichkeit: dass moderne Technik im Hintergrund hilft, damit im Vordergrund wieder mehr Raum für das Gespräch entsteht.
Vom Tippen zur Unterstützung durch KI
Als ich mich 1992 niederließ, habe ich vom ersten Tag an am Computer dokumentiert. Für mich war das selbstverständlich. Für andere war es damals eine kleine Revolution.
Heute stellt sich die nächste Frage: Muss der Arzt jede Zusammenfassung selbst tippen, wenn ein System einen Entwurf aus dem Gespräch erstellen kann?
Dr. Sirfy beschreibt, wie KI Gespräche in Text überführt und Informationen strukturiert. Was früher vielleicht in einer knappen Zeile festgehalten wurde, kann dadurch ausführlicher erfasst werden. Für ihn ist das eine wichtige Erleichterung im Alltag.
Dabei lohnt sich die Unterscheidung zwischen einem ausführlichen Text und einer verlässlichen Dokumentation. Auch eine gut formulierte Zusammenfassung kann etwas falsch wiedergeben oder auslassen. Sie muss geprüft werden. Die Verantwortung lässt sich nicht mit dem Schreiben abgeben.
Wenn Befunde eine Geschichte ergeben sollen
Eine Krankengeschichte besteht häufig aus vielen Teilen: Gesprächen, Befunden anderer Ärzte und Beobachtungen über längere Zeit. Diese Informationen zusammenzubringen, kostet Aufmerksamkeit.
Dr. Sirfy erzählt, dass er KI auch für die Zusammenfassung von Fremdbefunden nutzt. Er möchte relevante Informationen leichter überblicken und bei konkreten Fragen auf die vorhandene Geschichte zurückgreifen können.
Das Ziel ist verständlich. Ein Befund soll im Zusammenhang mit dem Menschen gesehen werden. Im Gespräch geht es deshalb auch um mögliche Unterstützung bei der differenzialdiagnostischen Denkweise: Welche Erklärungen kommen infrage? Welche Information könnte noch wichtig sein?
Solche Vorschläge sind Anregungen für die ärztliche Prüfung. Sie sind keine gesicherte Diagnose. Welche Schlüsse zutreffen, muss im medizinischen Zusammenhang beurteilt werden.
Begeisterung braucht einen prüfenden Blick
Dr. Sirfy spricht mit großer Überzeugung über diese Möglichkeiten. Er erlebt KI als ein Werkzeug, mit dem er Informationen und Wissen besser nutzen kann.
Dr. Sirfy beschreibt die KI ausdrücklich als Werkzeug und nicht als Arztersatz. Seine Begeisterung kann ich nachvollziehen. Gleichzeitig lässt sich aus den Erfahrungen einer Praxis keine allgemeine Überlegenheit von KI ableiten. Ob ein System zuverlässig unterstützt, hängt von der konkreten Aufgabe, den verfügbaren Informationen und seiner Qualität ab.
Was ein persönliches Gespräch ausmacht
Mich beschäftigt im Interview noch etwas anderes. Wenn ich einem Menschen gegenübersitze, nehme ich mehr wahr als seine Worte: die Art, wie er erzählt, seine Anspannung, sein Zögern. Im Gespräch beschreibe ich das mit dem persönlichen Begriff „Energetik“.
Das ist meine Beschreibung eines subjektiven Eindrucks. Daraus folgt keine messbare medizinische Fähigkeit und auch keine Diagnose. Gemeint ist die Erfahrung, dass eine Begegnung mehr umfasst als ihren schriftlichen Inhalt.
Dr. Sirfy spricht über mögliche technische Entwicklungen, die Stimme oder Bilder auswerten. Wie zuverlässig solche Systeme Gefühle oder innere Zustände erkennen können, ist eine eigene Frage. Wir belegen im Interview keine Überlegenheit gegenüber menschlicher Wahrnehmung.
Für mich bleibt entscheidend: Ein Patient soll erzählen können und sich mit seinen Fragen wahrgenommen fühlen.
Einen Moment still bleiben
Besonders gefallen hat mir Dr. Sirfys Beschreibung seiner Gesprächsführung. Er lässt Menschen zunächst erzählen, ohne sie gleich zu unterbrechen. Danach wartet er kurz und schaut, ob noch etwas kommt.
Diese kleine Pause kann Raum schaffen. Vielleicht fehlt noch eine Frage. Vielleicht möchte jemand etwas hinzufügen, das schwer auszusprechen ist. Vielleicht braucht ein Gedanke einfach einen Moment.
Ein technisches System kann sofort eine nächste Frage vorschlagen. Als Arzt muss ich trotzdem entscheiden, ob jetzt eine Frage hilfreich ist oder ob ich erst einmal still bleibe.
Für mich ist das eine der stärksten Stellen dieser Folge. Die Frage nach guter Technik führt mitten hinein in die Frage nach guter Gesprächsführung.
Was du als Patient mitnehmen kannst
Wenn in deiner Praxis KI eingesetzt wird, darfst du nachfragen: Wobei hilft das System? Wie werden seine Ergebnisse geprüft? Was geschieht mit den Informationen aus deinem Gespräch?
Diese Fragen passen gut zu einer Medizin, die verständlich mit dir spricht. Ebenso wichtig ist die Frage, wie du die Begegnung erlebst. Kannst du ausreden? Werden deine Anliegen aufgegriffen? Verstehst du, wie die nächsten Schritte zustande kommen?
Dr. Sirfys Anliegen ist, mit digitaler Unterstützung mehr Zeit für Patienten zu schaffen. Mich interessiert genau dieser Maßstab: Was kommt beim Menschen an?
Am Ende unseres Gesprächs frage ich ihn, was er auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Seine Antwort: ein gutes Buch. Weil Einsamkeit schwer ist und ein Buch ein Begleiter sein kann. Nach all den Gedanken über Technik ist das ein schöner persönlicher Abschluss.
Die ganze Folge mit Dr. Ahmad Sirfy hörst du im Podcast „runtermitdemblutdruck“.
Fünf FAQ
Was bedeutet KI in der Hausarztpraxis?
KI kann einzelne Aufgaben unterstützen, etwa Gesprächsinhalte strukturieren, Befunde zusammenfassen oder Hinweise für weitere ärztliche Überlegungen liefern. Welche Funktionen vorhanden sind, hängt vom jeweiligen System ab. In der Folge beschreibt Dr. Sirfy seine eigene Arbeitsweise.
Kann KI dem Arzt mehr Zeit für Patienten geben?
Das ist das Anliegen, von dem Dr. Sirfy berichtet. Wenn Dokumentation und Informationssuche erleichtert werden, kann Raum für das Gespräch entstehen. Die Folge enthält keine gemessenen Zeitgewinne und belegt keine allgemeine Wirkung für alle Praxen.
Kann KI eine Diagnose stellen?
Im Gespräch geht es um Vorschläge, die ärztliches Nachdenken unterstützen sollen. Ein Vorschlag ist noch keine gesicherte Diagnose. Ergebnisse müssen im Zusammenhang mit Beschwerden, Vorgeschichte und Untersuchungen ärztlich beurteilt werden.
Was geschieht mit meinen Daten, wenn KI mitschreibt?
Das hängt vom konkreten System und seiner Umsetzung ab. Frage die Praxis, ob aufgezeichnet wird, welche Daten verarbeitet werden und wie sie geschützt sind. Das Transkript enthält keine ausreichenden Angaben, um die Datenverarbeitung der SmartPraxis zu beurteilen.
Warum ist Stille im Arztgespräch wichtig?
Eine kurze Pause gibt dir Gelegenheit, einen Gedanken zu ergänzen oder eine weitere Sorge anzusprechen. Dr. Sirfy beschreibt das als Teil seiner persönlichen Gesprächsführung. Ob eine Pause oder eine Nachfrage gerade hilft, entscheidet sich in der Begegnung.
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Transkript
Ich konnte Ahmed Sirfi nach unserem Präventionsgespräch von der letzten Folge nicht so ohne Weiteres gehen lassen, ohne mit ihm auch über seine Smart-Praxis zu reden. Ja, Smart-Praxis, die komplett digitalisierte Praxis, die ihm ermöglicht, ja, viel mehr Zeit für den Patienten zu haben. Und das schildert er uns in dieser Folge, die ich dir auch nicht — und mir auch vor allen Dingen nicht — vorenthalten wollte. Ja, viel Spaß dabei.
Ich interessiere mich aber auch, weil du hast das auch in deiner Praxis so geschrieben, dass ihr auch mit KI und solchen Dingen da schon arbeitet. Kannst du mich da mitnehmen? Ich war ja — ich habe mich ja 1992 niedergelassen, und ich habe vom ersten Tag an in den Computer reingeschrieben und alles dokumentiert, auch. Ich habe niemals handschriftlich was geschrieben, Gott sei Dank. Das war damals aber eine Revolution, da haben die mir gesagt: „Boah, du machst da irgendwas, das geht gar nicht.“ Nein. Aber wie machst du das heute?
Was hat sich da geändert? Das würde ich persönlich gerne wissen, auch wenn es vielleicht den Patienten, der hier zuhört, nicht so interessiert. Wo ich dich mal da dran habe, möchte es trotzdem gerne wissen. Na ja, ich meine, ich finde es ganz gut, der Vergleich. Du hast — also andere Leute in deiner Zeit haben noch per Hand geschrieben, aber du hast getippt. Und wahrscheinlich viele haben gesagt: „Was ist Tippen?“ Ja, sonst verlernst du irgendwie das Schreiben.
Ja. Und was wir jetzt erleben, ist, dass man sagt: „Warum tippen?“ Wenn es ein System gibt, was für dich alles zusammenfasst und schreibt. Und wir haben dann einfach nur erlebt, dass es — klar, das ist auch bequem, dass du eine KI hast, die wirklich für dich das Gespräch zusammenfasst und schreibt. Aber wir haben nur gesehen: Wir haben einen Vorteil. Die KI hat mehr Kapazität, das ausführlicher und korrekter zu schreiben als wir. Und wir sind so an einen Punkt gekommen, wo wir sagen: Was Dokumentation angeht, ist die KI besser.
Mhm. Kannst du mir — also wenn ich jetzt mit dir ein — du würdest eine Anamnese bei mir mündlich machen, du würdest die digital aufzeichnen, und die KI würde daraus eine komplette Anamnese bauen. So zu sagen, ja. Die würde auch kategorisieren, die würde auch Diagnosen zum Beispiel vorschlagen, die würde so einen Informationsgehalt schaffen, mit dem wir aber auch weiterarbeiten können, auch mit KI. Also zum Beispiel: Jetzt kommt ein Patient zwei Jahre zu mir, ich spreche immer mit ihm, die Anamnese wird sauber transkribiert, wir haben wirklich mehr Information, als wir früher nur mit einer Zeile einfach das ganze Gespräch zusammenfassen konnten. Dann haben wir die Dokumente von dem Patienten, alle seine Fremdbefunde, die werden durch KI auch analysiert und zusammengefasst. Und dann hätte ich hier ein Komplex an Patientengeschichten, und dann will ich irgendwas verstehen.
Und dann gehe ich zu der KI und frage ich: „Dies und dies, was könnte der Patient haben?“ Und dann kann die KI in wenigen Sekunden all diese Informationen analysieren und mir eine Idee vielleicht geben. Und dann mich nur einfach begleiten bei meiner Denkweise, differentialdiagnostischen Denkweise. So was hätten wir auch ohne KI auch gemacht, aber es hätte richtig viel Zeit gekostet. Das ist nicht so, dass wir jetzt ohne KI nicht leben können. Aber wir können die Zeit und das Wissen so skalieren wie noch nie. Und das macht schon was.
Wahnsinn. Das ist ja super. Gibt es diese Systeme? Hast du diese Themen nach vorne gebracht, oder gibt es diese Systeme schon länger, die so arbeiten? Die gibt es tatsächlich schon länger. Wir haben dabei die ersten Start-ups schon getestet, als es noch kein Thema war. Jetzt gibt es eigentlich auch in vielen Softwares oder auch in vielen Praxen.
Wir gehen aber auch weiter, und wir forschen jetzt auch mit anderen Start-ups, wie können wir aus dem Wissen tatsächlich auch besser behandeln. Und wie Menschen, wir können die Beziehung aufbauen zu den anderen Menschen, wir können die Sachen besser einordnen, wir können ein Gefühl haben zu dem, was der Patient hat. Aber zu analysieren und das Wissen zu nutzen oder Muster zu erkennen, die wir nicht mit den menschlichen Augen erkennen, da ist die KI besser. Wir müssen einfach dazu stehen und das auch nutzen. Also die KI ist jetzt kein Arztersatz, das ist ja einfach ein Tool. Und ich meine, es wäre ja dumm, diese Tools nicht zu nutzen. Es wäre sogar — also ich gehe manchmal wirklich weit und sage: Das wäre sogar unethisch, diese Tools nicht zu nutzen.
Die, die wir schon jetzt haben. Die hatten wir früher nicht. Das ist mal eine andere Etage der Eskalation, wenn ich mit anderen Kollegen spreche. Ja, nee, aber super, super interessant. Du hast aber einen Begriff gebraucht, der mir in Bezug auf KI immer sehr schwer fällt. Also ich beschäftige mich auch damit, aber ich bin ja Rentner und ich habe Zeit, das zu tun, und habe meiner KI auch schon eine Menge erzählt, wie sie was machen darf. Aber was sie nicht entwickelt, ist Gefühl.
Und dann ein anderes Thema noch: Wenn du dich mit jemandem unterhältst oder wenn du vor jemandem stehst, dann spürst du ja eine gewisse Energie von diesem Menschen. Und diese Energie — und ich nenne das immer Energetik, weil das nicht einfach eine Energie ist, sondern eine, was man nicht beschreiben kann, aber da ist. Und diese Energie, die kannst du aber nicht transferieren in die KI.
Also vielleicht mit Worten. Wobei die differenziert die KI, sodass sie da auch Informationen liefern kann?
Heutzutage ist es noch eingeschränkt. Wir müssen jetzt von KI denken, die mit einer Kamera und Stimmerkennung, die da wirklich schon die Emotionslage auch erkennt, vielleicht besser als manche Menschen. Wir müssen einfach damit uns auseinandersetzen. Aber wir verlieren trotzdem unsere Kompetenzen nicht. Was die KI nicht kann: Die kann manchmal die Stille nicht aushalten. Also manchmal ist es so für mich: Der Patient spricht drei Minuten nonstop mit mir, Anamnese. Ich unterbreche den Patienten normalerweise nie, und ich sehe, die reden nie länger als drei Minuten auf einmal. Und dann bleibe ich kurz mal still und schaue, ob noch was dazu kommt. Die KI würde es nicht können. Die KI würde sofort eine Antwort liefern und sogar auch vorschlagen, was die nächste Frage sein kann.
Sehr gut. Ja, aber die Stille aushalten, das ist ein ganz entscheidendes Thema. Hast du sehr schön gesagt.
Ja, ich bin restlos begeistert. Ich glaube, wenn ich mal in München bin, ich wohne hier ganz oben in der Ostsee, dann komme ich bei dir mal vorbei und schaue mir das KI-System einmal an. Das würde — komm, ich mache ich bestimmt, wenn ich mal in der Gegend bin.
Du bist herzlich willkommen. Sehr gerne.
Bitte?
Du bist herzlich willkommen. Sehr gerne.
Danke. Jawohl. Erstmal ganz herzlichen Dank. Ich habe eine persönliche Frage an dich: Was würdest du, wenn du auf einer einsamen Insel wohnen würdest oder wohnen müsstest, mitnehmen? Kein Mensch, keine Person, um dort auf der einsamen Insel zurechtzukommen?
Ein gutes Buch. Und ich sage dir warum: Weil Wasser und Essen werde ich irgendwie finden, aber Einsamkeit ist wirklich schwer. Und wenn du sagst, kein Mensch und keine Person, dann ist ein gutes Buch eigentlich auch ein guter Begleiter.
Super. Ganz herzlichen Dank, Ahmed. Ich bin richtig begeistert. Du hast mir toll, auch dem Hörer, super vermittelt, was Prävention ist. Prävention, auch weiterzudenken, war wirklich — ich nenne das jetzt mal, ich komme aus dem Ruhrpott eigentlich — Hammer, muss man sagen. Ganz toll. Ich danke dir sehr, sehr herzlich, weil das ist wirklich die wichtige Arbeit, die du da an vorderster Front leistest. Und das innerhalb sieben Minuten, auch mit der KI, da geht das. Und da bin ich begeistert, wenn man sie so einsetzt, wie du das tust.
Ja, lieber Hörer, ich bin begeistert davon. Und ich hoffe, dich hat es auch so fasziniert. Und wenn die Podcast-Folge dich fasziniert hat, dann bin ich auch begeistert, wenn du irgendwo mal ein Like machst, einen Klick machst oder einen Kommentar schreibst, damit Ahmed und ich uns darüber freuen können. Und dass immer mehr Leute sich für die Podcasts interessieren können und auch für Ahmeds Smart-Praxis. Und die ist wirklich beeindruckend. Und auch seine Erfahrung und seine Herangehensweise spricht für mich von großer Weisheit, und das finde ich einfach beeindruckend. Danke, Ahmed.
Danke dir auch.
